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Morgen wird es amtlich: Dann befinden wir uns im längsten Bullenmarkt, den es jemals gab. Sorgen vor einem drohenden Crash sind dennoch weiterhin unbegründet, glauben mehrere Analysten – aus verschiedenen Gründen.

Bullenmarkt der GeschichteFolgt man der Einschätzung eines Großteils aller Marktbeobachter, dann hat der aktuelle Bullenmarkt nach dem harten Abwärtstrend am 9. März 2009 begonnen, als der S&P 500 auf 666 Punkte hinab rauschte. Am 22. August wird dieser Bullenmarkt 3.453 Tage alt und wird damit den bisher längsten Bullenmarkt überholt haben, der von Oktober 1990 bis März 2000 andauerte als die Dotcom-Blase platzte. Die Frage, wann das Ende für den aktuellen Bullenmarkt wohl gekommen sein mag, treibt Marktbeobachter weltweit um, die Nervosität am Börsenparkett steigt. Dennoch geben mehrere Analysten Entwarnung und sagen, die Zeit der Bären sei noch nicht gekommen.

„Es gibt immer noch Spielraum“

„Aus unserer Sicht gibt es immer noch Spielraum. Wir sind für die Fortsetzung des Bullenmarktes positioniert,“ verriet Portfoliomanager bei Richard Bernstein Advisors, Daniel Suzuki, „CNBC“. Er gehe davon aus, dass wir uns in einem späten Teil des Zyklus‘ befinden. Tatsächlich kommen am Markt aktuell einige Dinge zusammen, die den Anlegern neue Lust auf Aktien und Co. machen könnten. Die Bilanzsaison förderte bei vielen Unternehmen Rekorderträge zutage, außerdem zeigt sich das Wirtschaftswachstum in den USA von seiner besseren Seite. Gleichzeitig ermutige die Fed die Anleger durch die Anhebung der Zinsen, wieder mehr in riskantere Vermögenswerte wie Aktien zu investieren, schreibt „CNBC“.

Auch Daniel Suzuki will die Zeichen der Zeit erkannt haben: „Wir sind sehr auf drei Dinge konzentriert: Gewinn, Liquidität und Stimmung“, so der Analyst, „All diese Dinge wirken aktuell stützend am Markt.“ Die zugrundeliegenden Fundamentaldaten seien weiterhin „sehr gesund in allen Sektoren“ und der Markt somit also nicht nur von einer boomenden Branche angetrieben. Gute Bedingungen also für ein andauerndes stabiles Wachstum. Im vergangenen Quartal ist die US-Wirtschaft um 4,1 Prozent gewachsen – das schnellste Tempo seit vier Jahren. In der zweiten Jahreshälfte soll sie noch immer um mindestens 3 Prozent weiterwachsen, wird am Markt erwartet.

Bullenmarkt „zwischen der zweiten und dritten Base

Auch Ryan Detrick, leitender Marktstratege bei LPL Financial, glaubt weiter an die Bullen. „Auf der fundamentalen Seite gibt es große positive Ergebnisse. Deshalb denken wir, dass dieser Bullenmarkt noch nicht am Ziel ist … er liegt zwischen der zweiten und dritten Base“, erklärte Detrick „CNBC“. Dabei hatte der aktuell andauernde Bullenmarkt bereits zwei Korrekturen zu verkraften, gibt der Stratege weiterhin zu bedenken: „Wir hatten 2011 eine Korrektur von 19,4 Prozent und der durchschnittliche Aktienbestand sank im Februar 2016 um 25 Prozent.“ Beides konnte die Bullen jedoch nicht aufhalten. Dies wirft gleichzeitig die Frage auf: Was wird sie letztendlich überhaupt zu Fall bringen können?

Bedrohungen sind vorhanden

Von einer freien Bahn für die Bullen kann jedoch keine Rede sein. Die Dinge, die den Anlegern schon seit längerer Zeit Bauchschmerzen bereiten, haben auch weiterhin das Potenzial, die Bullen auszubremsen. Kritisch blicken die Anleger beispielsweise auf die Fed und sind besorgt, dass die US-Notenbank die Zinsen doch schneller anziehen könnte als erwartet. Daneben schwelt weiterhin der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der sich intensivieren könnte.

Außerdem ist auch die Türkei-Krise noch nicht ausgestanden und birgt ein Ansteckungsrisiko für die Schwellenmärkte, das auf diesem Weg auch die Weltwirtschaft erfassen könnte. Als verlässliche Rezessionswarnung gilt gemeinhin auch das Steigen der kurzfristigen Renditen, etwa die der zweijährigen Anleihe über die einer langfristigeren Anleihe, wie den zehnjährigen Treasuries. Marktstrategen erwarten, dass es zu diesem Ereignis kommen könnte, wenn die Fed die Zinsen strafft. Doch auch beim potenziellen Einsetzen einer Rezession sehen einige Analysten noch Luft.

Bullen könnten noch eine Weile weiterlaufen

„Die Fed wird meiner Meinung nach noch weitermachen bis etwas an den Finanzmärkten entzweigeht“, vermutet Joseph LaVorgna, Nationalökonom von Natrix. Dies könne nämlich zu einem höheren Dollar führen und so die Schwellenländer belasten. Doch selbst dann stehe ein Crash nicht zu befürchten, glaubt LaVorgna: „Wenn es in den nächsten 24 Monaten eine Rezession gibt, sollte der Aktienmarkt in den Monaten 1 bis 19 noch einigermaßen gut abschneiden.“ LaVorgna sieht die Fed als Auslöser der Rezession. Die Fed werde ihre Straffungen so lange fortsetzen, bis sie „uns in eine Rezession hineinstrafft“, so der Marktstratege. Viele Analysten sind jedoch der Ansicht, dass dieses Szenario noch weit in der Zukunft liegt. „Wir denken, dass wir in einem Jahr um diese Zeit in einem säkularen Bullenmarkt sein werden“, mutmaßte Ryan Detrick gegenüber „CNBC“.

Die Technologie sei genau da, „wo sie im Jahr 2000 war“, Finanzwerte seien jedoch auf Basis der relativen Stärke noch immer rückständig. „Es gibt Bereiche, in denen Platz ist für ein deutliches Preiswachstum“, so der Analyst.  Möglicherweise ist es also doch noch zu früh, sich vom Börsenparkett zurückzuziehen. Doch auch, wenn die Bullen noch ein Stück Weg vor sich haben sollten, ist ein gewisses Maß an Vorsicht nicht verkehrt. Auch der längste Bullenmarkt der Geschichte wird irgendwann einmal auslaufen.

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